Bei dem folgenden Szenario handelt es sich um Kriterien, die beim Einstieg in die Graffitiszene eine wesentliche Rolle spielen. Aus diesen Kriterien heraus bilden sich eine Mischung aus Provokation, Aggressivität und Organisationsstrukturen im Rahmen einer gewissen Illegalität. Deren Bekämpfung bedarf es großer Anstrengungen von der Graffitientfernung über die Prävention/Jugendarbeit bis zur Strafverfolgung.

Allgemein besteht das Grundproblem darin, dass es sich bei den Sprayern hauptsächlich um sehr junge Menschen handelt. Ihnen fehlt eine diesbezügliche Lernhistorie. D.h. die Erfahrung: Ich mach etwas, was Konsequenzen hat, erkenne diese und später weiß ich bevor ich das tue, dass es zu Konsequenzen kommen kann. Mit anderen Worten: Ich muss die Verantwortung für mein Handeln übernehmen..

Die Konsequenzen sollten also sofort eintreten und möglichst unangenehm für den Sprayer sein. Darin besteht der eigentliche Sinn bei der Strafverfolgung Jugendlicher. Wie wir alle wissen sieht die Praxis anders aus. Vom Zeitpunkt der Begehung der Straftat bis zum Eintritt von Konsequenzen vergeht zu viel Zeit. Die Gründe dafür liegen in der verspäteten Anzeigeerstattung, der Dauer der Ermittlungen und der großen Anzahl der Strafverfahren. Ich möchte darauf nicht weiter eingehen.

Wie ist der Prozess der Entstehung eines ersten Graffitis konkret:

  • Jugendliche müssen gegenüber gleichaltrigen ihre Coolness präsentieren.
  • Viele berichten von ihren illegalen Graffitis und brüsten sich damit.
  • Also muss sich der Jugendliche „A“ beweisen um als gleichwertig anerkannt und akzeptiert zu werden.
  • A kommt jeden Tag an einem Haus vorbei, welches eine weiße Wand hat und unbeschmiert ist.
  • A entscheidet sich diese Wand zu seiner Wand zu erklären und besprüht diese mit seinem erdachten TAG. Seine Motivation liegt also, in dieser Anfangsphase, nicht darin das Haus zu beschädigen sondern sich gegenüber seinen Kumpels als gleichwertig und cool zu präsentieren. Zur Beweisführung macht A mit seinem Handy Fotos die er seinen Kumpels B,C,D,E und F zeigt oder ins Internet stellt.
  • Um Ruhm zu erlangen besprüht A weitere Wände.
  • Der Jugendliche B ist nicht damit einverstanden, dass A vielleicht mehr Ruhm erlangen könnte als er.
  • B will sich gegenüber A behaupten und übercrosst das Tag von A.
  • An dieser Stelle beginnt in der jugendlichen Gruppe ein Konkurrenzkampf.
  • Die Jugendlichen C,D,E,F wollen sich auch behaupten und übercrossen die Tags von A und B. Das Motto lautet jetzt: Viel Wände-viel Ruhm-viel Anerkennung. Ab diesem Zeitpunkt wächst die Aggressivität und eine Organisationsstruktur der Gruppe bildet sich heran.
  • Die weiße Wand des Hauses wird mit Graffitis regelrecht zugetagt.
  • Der Hauseigentümer fragt sich nun, warum wird gerade mein Haus mit so vielen Graffitis beschmiert???

Wäre das 1. Tag von A sofort entfernt worden, hätte er sich zwar mit dem Handyfoto vom Tag brüsten können aber B,C,D,E,F hätten kein vorrangiges Motiv gehabt dieses Haus zu besprühen. Wäre dann mit ihm auch noch präventiv gearbeitet, ihm beigebracht worden dass er für sein Handeln Verantwortung übernehmen muss, ihm Gelegenheit zur Selbstverwirklichung seiner künstlerischen Ader gegeben worden, hätten wir vielleicht einen Graffitisprayer weniger.

Ich möchte nochmals betonen, dass es sich hier um den Einstieg in die Graffitiszene handelt und es nur um einzelne Tags geht.